Die Wärmewende ist eine der größten Baustellen der Klimapolitik, aber ihr Gelingen entscheidet sich auch im Kleinen: in Quartieren, Straßenzügen, Nachbarschaften. Das Forschungsprojekt "Erdwärme vernetzt – Urbane Anergienetze als Instrument der Wärmewende" von energiekonsens und der Hochschule Bremen hat untersucht, wie Bürger*innen eine klimafreundliche Wärmeversorgung voranbringen können. Die Ergebnisse wurden jetzt während einer Veranstaltung in der Bremischen Vertretung in Berlin vorgestellt.
Wie gelingt beim Heizen die Abkehr von Öl und Gas, wenn Fernwärme und Wärmepumpen als Individuallösung in dicht bebauten Quartieren nicht infrage kommen? Eine Antwort könnten kalte Nahwärmenetze sein. In diesem dezentralen System versorgen Erdsonden Wärmepumpen in Haushalten mit Wärme. Das Forschungsprojekt hat untersucht, wie bürgerschaftliches Engagement den Ausbau dieser Netze im Bestand voranbringen könnte, denn bislang gibt es derartige Konzepte nur im Neubau.
„Unsere Umfrage hat gezeigt, dass ein großer Teil der Befragten grundsätzlich offen für einen Anschluss an ein Anergienetz ist“, berichtete Christian Rinner von der Hochschule Bremen. „Klimaschutz, Kosten und Versorgungssicherheit zählen dabei zu den zentralen Motiven für einen möglichen Wechsel des Heizsystems.“
Hürden für andere Initiativen abbauen
Doch bei der Umsetzung von kalten Nahwärmenetzen warten regulatorische Hürden, rechtliche Fragen, finanzielle Risiken und hoher Abstimmungsbedarf. „Wir wollen mit dem Projekt dafür sorgen, dass bürgerschaftliche Initiativen es künftig leichter haben, ihre Vorhaben umzusetzen“, so Frida Kopka, Projektmanagerin bei energiekonsens.
Wie sinnvoll dieses Ziel ist, bestätigte Philipp Metz von der Erdwärmedich Anergienetze e.G., eine Genossenschaft, die derzeit in der Humboldtstraße ein erstes kaltes Nahwärmenetz plant. „Je länger man sich damit beschäftigt, desto mehr Fragen tauchen auf. Und das sind in der Regel nicht nur technischen Fragen“, so Metz. „In unserer Genossenschaft finden wir alle möglichen Berufe und Qualifikationen wie Anwälte, Handwerker, Wissenschaftler, Ingenieure und Neugierige, auf deren Wissen wir zurückzugreifen können. Sehr nützlich war auch die von energiekonsens in Auftrag gegebene Vorstudie.“
In der Humboldtstraße in Bremen soll ein kaltes Nahwärmenetz dezentrale Wärmepumpen versorgen. Probebohrungen wurden bereits durchgeführt.
"Es lohnt sich"
Fehlende finanzielle Ressourcen, begrenzte personelle Kapazitäten und hoher Abstimmungsaufwand erschweren die Umsetzung. Doch trotz aller Hürden ermutigt Metz andere Initiativen: „Bleibt dabei, es lohnt sich. Es macht auch viel Spaß und es bringt uns auch persönlich voran.“
Die Ergebnisse des Projekts zeigen, dass bürgerschaftliche die Nachfrage nach klimafreundlicher Wärmeversorgung bündeln und Akzeptanz für innovative Konzepte schaffen können. Offen bleibt ein zentraler Erfolgsfaktor für die Umsetzung unter realen Bedingungen, da viele Projekte sich noch in der Planungsphase befinden.
Tragfähige Infrastrukturen und neue Finanzierungsinstrumente
Klar ist, dass auf kommunaler Ebene Handlungsbedarf besteht, etwa um eine unterstützende Genehmigungspraxis und zentrale Anlaufstellen zu etablieren. „Eine One-Stop-Agency, die die Zuständigkeiten bündelt, die Genossenschaften eng begleitet und die Kontakte zu den richtigen Ansprechpartner*innen organisiert, wäre eine wichtige Unterstützung“, erläuterte Projektleiter Prof. Dr. Winfried Osthorst von der Hochschule Bremen.
Auch neue Finanzierungsinstrumente sind gefragt, etwa Bürgschaften oder Risikokapital für frühe Projektphasen. Erste Ansätze wie ein Bremer Förderprogramm für Pilotprojekte zeigen, wie Unterstützung aussehen kann, um aus engagierten Initiativen tragfähige Infrastrukturen zu schaffen.